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Baukultur - From my Point of View

Spacespot-Netzwerktagung 2016




Am 25. November 2016 lud der Verein Spacespot zu seiner jährlichen Netzwerktagung. Im Kulturzentrum Progr in Bern erläuterten Fachleute verschiedener Disziplinen ihr persönliches Verständnis von Baukultur. Der Bogen spannte sich vom sehr persönlichen Zugang bis zur Kulturbotschaft des Bundes.

Die Vorträge der Tagung stehen hier zum Download bereit:

Bauingenieurin Clementine Hegner van Rooden, Oberägeri
Gebäudetechniker Roman Hermann, Münchenstein
Architektin Prof. Anna Jessen, Basel
Architekt und Vermittler Stefan Jauslin, Zürich
Journalist Cedric van der Poel, Lausanne
stv. Leiterin Sektion Heimatschutz Dr. Nina Mekacher, Bern
Verantwortliche Baukultur sia, Dr. Claudia Schwalfenberg


Spacespot sensibilisiert seit rund zehn Jahren Schulkinder für die gebaute Umwelt. In den vergangenen Jahren hat sich der Diskurs über die Baukultur in der Baubranche etabliert. Die diesjährige Netzwerktagung des Vereins stand daher unter dem Motto «Baukultur – From My Point of View».
Was sich fundamental geändert hat, ist die Art der Wissensvermittlung an Schulen. Der Lehrplan 21 setzt neu auf die Vermittlung von Kompetenzen anstelle von Fachwissen. Darauf müssen die didaktischen Konzepte auch der Architekturvermittlung reagieren. Die Tagung sollte dazu erste Ansatzpunkte liefern.

Vormittag: Die Baufachleute

Vor illustrem Publikum sprachen zunächst drei Vertreter der Praxis: Clementine van Rooden vertrat die Sicht der Bauingenieurinnen, Roman Hermann von Waldhauser + Hermann jene der Gebäudetechniker. Anna Jessen von jessenvollenweider äusserte sich in ihrer Rolle als Architektin.

Clementine van Rooden stellte die Neugier ins Zentrum ihres Vortrags – als Ursprung von Wissbegierde, Forschungsdrang und vielleicht auch Ungeduld sei sie eine wichtige Voraussetzung für das Streben nach Qualität im Bau.

Genreuntypisch äusserte sich Gebäudetechniker Roman Hermann. Seine Botschaft: Ein Gebäude müsse vor allem schön sein, um bestehen zu können. Denn nur Schönheit sowie Adaptionsfähigkeit erlauben es, Gebäude auch fremden Nutzungen zuzuführen, ohne ihren Charakter zu verleugnen. Anforderungen an Bauten müssten zunächst architektonisch beantwortet werden, die Gebäudetechnik sei das Supplement.

Anna Jessen öffnete das Feld vom Objekt zum Ensemble. Ihr Exkurs stellte das Zusammen und vor allem die Zwischenräume von Gebäuden ins Zentrum, denn «Baukultur ist Raumkultur». Sie betonte, wie wichtig es für eine Gesellschaft sei, sich neben einer juristischen auch eine räumliche Form zu geben.

Der Nachmittag: Die Vermittler

Nach den Vertreterinnen und dem Vertreter aus der Baupraxis kamen am Nachmittag die Vermittler und Exponentinnen aus Politik und Berufsverband zu Wort. Architekt Stefan Jauslin vom Büro Vehovar & Jauslin war eingesprungen für den erkrankten Direktor des Schweizerischen Architekturmuseums S AM, Andreas Ruby. Es folgten der Journalist Cedric van der Poel sowie Nina Mekacher vom Bundesamt für Kultur und Claudia Schwalfenberg vom Schweizerischen Ingenieur- und Architektenverein sia.

Stefan Jauslin hatte als Kurator der Ausstellung «Imagine la Suisse» am Schweizerischen Architekturmuseum S AM in Basel schweizweit Personen dazu aufgerufen, Impressionen einzuschicken von gebauten Situationen, zu denen sie eine persönliche Beziehung hätten. Daraus entstand ein rund 20-minütiger Film, der während einer Umbauphase des Museums von innen an die Fenster des Museums projiziert wurde. Die Menschen schickten vor allem Raumstimmungen – offenbar besteht eine tiefe Sehnsucht nach Atmosphäre und sinnlichen Erlebnissen.

Einen Blick in die Westschweiz gewährte Journalist, Anthropologe und Volkswirtschafter Cedric van der Poel. Anhand zweier Beispiele aus der Genfer Planungspraxis stellte er aktuelle Vermittlungsprojekte vor: die Begleitbroschüre zum kantonalen Richtplan und ein Video zur Vernehmlassung im Genfer Gewerbegebiet PAV. Die Bemühungen, diese Themen der Bevölkerung nahe zu bringen, seien zu begrüssen, so van der Poel. Die Art und Weise – fast propagandistisch – hinterliess jedoch einen ambivalenten Eindruck.

Nina Mekacher vom Bundesamt für Kultur BAK nutzte ihren Vortrag für einen Überblick zur politischen Einbettung der Baukultur. Als Teil der aktuellen Kulturbotschaft des Bunds ist die Baukultur erstmals vertreten. Momentan erarbeiten 15 Departemente in einer Arbeitsgruppe, wie sich Baukultur in den jeweiligen Departementen stärken lässt. Bis Ende 2018 soll ein Strategiebericht mit Massnahmen vorliegen, verteilt auf die Handlungsfelder Raumordnung, Bauproduktion, Bildung & Forschung sowie Vermittlung.

Claudia Schwalfenberg vom sia betonte, wie wichtig es sei, die Diskussion um die Baukultur in die Öffentlichkeit zu tragen. Sie forderte einen Schweizer Baukulturpreis sowie ein Schweizer Museum für Ingenieurbaukunst, die verstärkte und professionelle Vermittlung von Baukultur an Schulen inklusive der Sensibilisierung der Lehrkräfte und eine bessere Ausstattung des Schweizer Architekturmuseums.

Eine Diskussion mit den Rednerinnen und Rednern des Nachmittags rundete die Veranstaltung ab. Es herrschte Konsens: Baukultur gehe alle an, nicht nur die Fachleute. Es gelinge aber noch nicht, die breite Öffentlichkeit zu sensibilisieren und für das Thema zu begeistern – trotz auch polarisierendem Storytelling, wie die Beispiele aus der Romandie zeigten.